Von der Farbe des Alltags

Gestern Sonntag war ich im Wiener Jüdischen Museum zur Ausstellung „Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnen bis 1938“. Vergessene, verdrängte, kaum oder nur halbherzig anerkannte Kunst, die nachdenklich stimmt. Hinter jedem Werk steht eine mitunter schräge, bestürzende, mutige, auf jeden Fall aber immer interessante Lebensgeschichte. Frauen, die Konventionen brachen, ihren Weg ohne Rücksicht auf Vorurteile gingen, sich durch eine Gesellschaft starrer Rollenbilder kämpften und den Bedrängnissen des entfesselten Hasses gegen Juden entweder tragisch zum Opfer fielen oder auf abenteuerlichen Odysseen entrinnen konnten. Sie vor dem gleichsam verordneten Vergessen zu bewahren, braucht es sicher mehr als diese Ausstellung. Zweifellos. Nur, darüber sollen sich andere den Kopf zerbrechen.Nachdenklich stimmte mich, dass Kunst ganz offensichtlich Parallelen zu Heroismus und Heiligkeit hat. Sie beschränkt sich nicht auf die „unsterblichen Genies“, die in den großen Museen dieser Welt tagtäglich tausende von Menschen anziehen. Kunst ist eine Art, dem Alltag die Farbe und Gestalt zu entwinden, die er hat und sie denen zu vermitteln, die sie vielleicht ersehnen, aber nicht sehen können. Kunst ist eine Kommunikation auf einer Ebene, die über sinnliche Erfahrung hinausgeht. Kunst geht jeden an und letztendlich lässt sich Kunst nicht zum Schweigen bringen. Künstlerisches Schaffen ist durchaus vergleichbar mit dem Gebet. Es erfordert Kampf, Ausdauer und den Mut, einsam seinen Weg zu gehen. Der Kunstschaffende verschwindet normalerweise hinter dem Werk, das ihn übersteigt und einen Weg durch diese Welt weist, den er selbst vielleicht nur erahnt hat.Kunst und Heiligkeit, – ein Thema, das mich seit gestern Nachmittag jedenfalls beschäftigt.

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