Usque ad mortem


Etwas gebeugt war er, aber das passte zu ihm. Es verlieh seiner sonst noblen Erscheinung die einem Mönch angemessene Aura der Bescheidenheit Er war hoch gewachsen und hatte stets perfekt gekämmtes, volles,weißes Haar. Seinem durchdringenden Blick konnte man sich nicht entziehen, wenn er einen traf, was nicht allzu häufig der Fall war. 

Seine Stimme war kräftig und hatte eine gewisse herablassende Art, die den Aristokraten nicht verbergen konnten. Lediglich sein Gehör machte ihm zu schaffen. Am Chorgebebet nahm er nicht mehr Teil, seit das neue Stundenbuch eingeführt worden war. Er zog statt dessen morgens und nachmittags immer zur selben Zeit seine Kreise im Konventgarten und betete „sein“ Brevier, wie er es nannte. Früh morgens schon zelebrierte er täglich die Messe im alten Ritus. Es kümmerte ihn nicht, wenn ihn ein allzu eifriger Mitbruder darauf aufmerksam machte, dass er dazu eigentlich eine Erlaubnis aus Rom brauche. Wie immer, wenn ihm etwas nicht passte reagierte er entweder gar nicht oder holte sein Hörgerät aus dem Ohr, drehte umständlich daran herum und schaute den jeweiligen Gesprächspartner groß an: „Wie meinen Euer Hochwürden ? Die Batterie ist schon wieder passé“. Mit dieser Szene beendete er die meisten unangenehmen Gespräche.

Ich hatte nicht oft die Ehre eines Gespräches mit diesem trotz seiner Kaprizen und seines Gehabes durchaus weisen und beeindruckenden Mitbruder.

Eines Tages jedoch, es war schon am Ende meiner Zeit im Kloster und man wusste schon allgemein von meinem Entschluss, klopfte er mir beim Frühstück auf die Schulter und lud mich zum Spaziergang ein. Wir wanderten eine weite Strecke fast schweigend und ich begann mich schon zu fragen, warum er mich zu diesem Gang eingeladen hatte. 

Ich weiß es noch genau wo es war: wir standen vor dem Gedenkstein eines verstorbenen Mitbruders, der an dieser Stelle  Jahrzehnte zuvor durch einen Blitzschlag zu Tode gekommen war. Wir murmelten gemeinsam das „De profundis“ und verharrten eine Zeit in weiterem Schweigen. Da begann er plötzlich: „Wenn man es nur wüsste. Wenn man es nur wüsste …“ „Was meine Sie P. Placidus?“ unterbrach ich ihn. „Es wäre alles so viel leichter wenn man wüsste, ob nach unserem Tid uns wirklich mehr erwartet als nur so ein Stein“ er klopfte behutsam mit sein noblen Spazierstock auf den Gedenkstein. „Er und ich wir waren gemeinsam in der Schule, dann im Noviziat…Profess, Priesterweihe alles gemeinsam. Freunde waren wir nie. Wir waren zu verschiedenen. Ich war immer eher der reservierte Skeptiker. Er hatte einen so unerschütterlichen Glauben, wir ein Kind. Am Tag als ihn der Blitz traf, hatte er noch im Konvent gepredigt über das Himmelreich und das ewige Leben. Später sagten die Mitbrüder, er habe wohl eine Vorahnung gehabt. So ein Wahnwitz. Vorahnung. Unsinn. Der Blitz hat ihn getroffen. Einfach so ohne Vorwarnung und Vorahnung. Blindes Schicksal. Einfach weg. Zack weg. Ich hab mich mein ganzes Leben nicht an dem Gedanken gewöhnen können, dass unser Tod unabwendbar daherkommt. Heute als alter Mönch und Priester steh ich da und erkläre dir, dem jungen Spund, dass ich immer noch nicht glaube und dass ich genau deshalb im Kloster geblieben bin bis heute. Trotz all des miserablen Niveaus unserer Mitbrüder. Alles was mich vor der Verzweiflung schützt ist, dass ich festhalte und beharrlich mein Brevier und meine Messe lese. Vielleicht rettet mich das auch, wenn mein Tod einmal daherkommt. Man muss aushalten. Man muss durchhalten. Alles andere führt zu nichts.“ 

Ich schwieg lange. Dieses Rede war wie plötzliches, heftiges Gewitter über mich gekommen. 

Er schwieg ebenso und schwankte etwas. Ich stützte ihn. „Geht schon wieder“ meinte er und holte tief Luft. „Und wenn es der Liebe wegen ist“ er wollte offensichtlich eines drauf setzen, „dann kann ich dir nur sagen. Es zahlt sich nicht aus. Er da- er deutete wieder auf den Gedenkstein- „ hatte auch kurz eine Flamme. Man wusste es. Aber du weißt ja, wir reden nicht über solche Dinge. Jetzt nach so vielen Jahren kann ich es ja ruhig sagen… er hatte ein Verhältnis mit einer Frau. Eine kurze Affäre halt, nichts weiter. Sein Sohn war dann einige Jahre bei uns und ist vor der ewigen Profess auf und davon gewesen. Jemand hatte ihm gesteckt, wer sein Vater gewesen war. Zwei Monate später hat ihn ein Betrunkener überfahren.so schnell geht das. “ 

Wir setzten unseren Weg fort. Ich fand keine rechten Worte.  An einer Stelle,von wo man  die Abtei und das darunterliegende Tal gut im Blick , blieben wir kurz stehen. Er deutete aufs Kloster: „Ausharren usque ad mortem, das ist vielleicht das einzige was den Menschen zum Menschen macht, egal was danach mit ihm passiert.“

„Verzeihen Sie P. Placidus, wenn ich Ihnen widerspreche. Ich glaube nicht dass Ausharren an sich heroisch oder erstrebenswert ist.“ Jetzt brach es aus mir heraus und ich musste es los werden schon diesem alten sturen Mann zuliebe, der dich aus Angst vor dem Tod verschanzt hatte in ein kleines, nobles Gefängnis. „Abraham, Mose, Jesus, sogar unser Hl. Benedikt… alle sind sie ständig im Glauben aufgebrochen. Sie wussten auch nicht wohin. Sie glaubten und darum ließen sie immer wieder alles zutück und wagten Neues. Sie sagten, es wäre alles leichter, wenn wir wüssten, was kommt. Es wird nicht leichter, wenn wir wissen. Im Gegenteil. Es ist gut, dass wir uns langsam nach vorne tasten. Ausharren bist um Tod. Das haben auch die Soldaten …“ weiter kam ich nicht, denn er blieb stehen, stampfte auf den Boden und meinte mit dem Ton eines Richters: „Der Prior hat recht: Du hast keine Berufung.“ Wir gingen schweigend weiter ich wollte noch etwas sagen aber er drehte bedeutungsschwer an seinem Hörgerät. Dann schaute er mich an und sagte plötzlich: „Aber es könnte ein guter Mensch aus dir werden – trotzdem.“ 

Am Abend ging ich zur Vesper. Ich sah aus dem Fenster: P. Placidus zog nicht wie gewohnt seine Runden sondern saß auf der Bank, „sein Brevier“ im Schoß,  mit dem Blick in die Ferne. 

Ich war mir sicher: er und der Prior hatten recht: ich hatte keine Berufung. Aber ein Mensch könnte aus mir werden. Keine schlechte Perspektive. 

So oder so ähnlich zumindest war es, wenngleich natürlich jeder Rückschluss auf konkrete Personen und Orte völlig unzulässig ist. 

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