‚L’avenir“- „Alles was kommt“ und viele Fragen

Heute Sonntag endlich wieder einmal im Kino und gleich ein paar frische Eindrücke dazu:

„L’avenir“- „Alles was kommt“, eine in der bürgerlich intellektuellen Elite Frankreichs angesiedelte Abfolge von Szenen des Lebens einer Philosophielehrerin in den  Mittfünfzigern, der nach und nach all das abhandenkommt, was ihr  Leben bis dahin bestimmt:  die Kinder sind erwachsen, die zur Gewohnheit gewordene Ehe zerbricht fast lautlos, die narzisstische Mutter wird zum Problem- und Pflegefall und stirbt schließlich. Ihre erfolgreichen Bücher werden vom Verlag aus dem Programm genommen… zum ersten Mal fühlt sie sich, auf dem Gipfel der Krise angekommen, „frei“ wie sie einem befreundeten ehemaligen Schüler anvertraut. Was genau diese Freiheit ausmacht wird allerdings nicht greifbar. Der Versuch, mit den anarchistischen, revolutionären Freunden ihres früheren Schülers, eine gemeinsame Ebene zu finden scheitert. Zu weit hat sich die ehemalige kommunistische Studentin von ihren jugendlichen Idealen entfernt. Glücklich scheint sie kurz und paradox mit der einst verhassten Katze ihrer verstorbenen Mutter.  Die Geburt ihres ersten Enkelsohnes lenkt ihr Leben allerdings erst in neue Bahnen. Die Zukunft, die der Titel ankündigt bleibt dennoch  vage.

Der Film überzeugt insgesamt weniger durch seine eher schwerfällige Handlung, deren roter Faden unbestimmt bleibt, als seine bestechend schönen Aufnahmen. Besinnliche, fast kontemplative Bilder aus der Bretagne oder den französischen Alpen wechseln mit dem pulsierenden Leben der Großstadt Paris. Sie sind intensiv, stimmig und die immer wieder eingeflochtenen philosophischen Zitate etwa aus den Unterrichtsszenen oder auch  dem Pasacaltext, der zum Begräbnis der Mutter gelesen wird, regen zum Fragen und Nachdenken an. Gerade weil sie fragmentarisch und willkürlich scheinen  bilden sie die Grundstimmung einer bereits alternden Generation ab, die wesentlich mehr Fragen als Antworten hat.

Nur andeutungsweise scheint  die Suche nach Transzendenz durch: etwa wenn sich die Philosophin nach dem Auszug ihres Mannes darüber echauffiert, dass er die Werke von Levinas und Buber mitgenommen hat und sie etwas später auf einer Zugreise ein neu erworbenes Buch von Levinas aus der Tasche zieht. Auch das zu Beginn hell leuchtende Kreuz  am Grab von Chateaubriand  bildet eine Spanne zur letzten Szene, in der die frischgebackene Großmutter ihren kleinen Enkelsohn am Weihnachtsabend in den Schlaf singt.

Am Ende bei aller scheinbaren Willkürlichkeit ein positiver Film, der Mut macht, Fragen zu stellen oder sich den Fragen zu stellen, mit denen  uns die unvermeidlichen Brüche im Leben konfrontieren.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s