17.August….

Ich weiß es noch genau: es war heute vor 33 Jahren- früher nannte man diese Zeitspanne das „Vollalter Christi“- da stand ich etwas unruhig und voller Erwartung vor dem Kapitelzimmer der Abtei und harrte, gemeinsam mit einem anderen Postulanten. Drinnen psalmodierten die Mönche die Morgenpsalmen. Irgendwann ging die Tür auf und der Novizenmeister führte uns in den Raum. In der Mitte stand der alte, gebeugte Subprior – der Abt stand schweigend wie die übrigen anwesenden Mönche in seiner Chorstalle der Prior, der eigentlich die Aufgabe hatte, Novizen aufzunehmen und einzukleiden, war in jenen Tagen in Brasilien, um dort engagierte Mitbrüder zu besuchen, – und nahm uns in Empfang. Was dann geschah, davon habe ich nur mehr Umrisse vor Augen. Es wurden mir wohl ein oder zwei rituelle Fragen gestellt. Danach empfing ich sowohl Ordensgewand, die Benediktsregel und den Ordensnamen. Der etwas grobschlächtige Novizenmeister steckte mich, da es dem gebrechlichen Subprior etwas schwer fiel, in den Habit wie in einen Sack. Mit einem Anflug von Spott knüpfte er mir die Kapuze um. Und schon am selben Tag wollte er, dass ich sie wieder abnehme, da die Kapuze in österreichischen Klöstern überwiegend als Zeichen übertriebenen monastischen Eifers abgelehnt ja zuweilen regelrecht verachtet wird. Ich mochte sie und behielt sie. Das war eigentlich schon in gewisser Weise der Anfang vom Ende: mein Hang, Konventionen zu brechen. Ich trug die Kapuze alle die Jahre hindurch und in den letzten Jahren ersetzte ich den Stoffgürtel, der mir zu feudal und klerikal erschien durch einen Lederriemen, was einer kleineren Revolution gleichkam. Doch wesentlich einschneidender als der Habit war der Ordensname. Denn er war eine Art neue Identität. Ein Programm fürs Leben. Kurz: mit dem Namen Johannes, des Apostel und Evangelisten bekam ich meinen Platz in der Reihe der Mönche. Damals war ich entschlossen.,für immer zu bleiben. Entschlossen ist das falsche Wort. Ich war mir sicher: das ist für immer.

Weniger genau sind meine Erinnerungen an den 17. August 1988. An diesem Tag verließ ich das Kloster mit gemischten Gefühlen, unauffällig, fast wie einer, der sich heimlich davonstiehlt. Ich weiß, dass ich die eindeutige Klarheit hatte, das Richtige zu tun zugleich aber alles aufgegeben hatte, was mir wichtig und teuer, was mir Heimat war. Es war ein Schritt in die absolute Ungewissheit. Alle Sicherheit, für immer an jenem Ort auszuharren, war zerbrochen wie kostbares Porzellan, das ich nicht sorgsam genug behandelt hatte. Lange noch dachte ich, ich könnte, die Scherben wieder zusammenfügen und hielt mich an Formen und Ritualen fest, die ich mir in den Jahren meines ganz und gar nicht beschaulichen Klosterlebens angeeignet hatte. Oft war das auch eine Last und nur langsam bröckelte das meiste davon wie verwittertes Gestein ab. Erst heute kann ich sowohl mit Dankbarkeit das Gute entdecken, das die Jahrzehnte überdauert hat und die Verletzungen aus jener Zeit mit größerer Ruhe betrachten. Nein, noch immer nicht ganz ohne Groll, schon gar nicht jetzt da der Abgrund jener Kälte und Leere, in der mein Porzellan zerschellt war erst auf Umwegen ans Licht kam. Nicht ohne Groll also, aber doch gelassener.

Ganz genau weiß ich, was heute vor 17 Jahren geschah: an jenem 17. August kam unser jüngster Sohn zur Welt. Einige Tage zuvor war ganz Österreich im Bann des Naturschauspiels einer beeindruckenden, fast Furcht einflößenden Sonnenfinsternis. Ich weiß noch, dass mir aller Ratio zum Trotz der Gedanke kam: nein, nur heute nicht. Wenn, dann an Maria Himmelfahrt, sollte unser Kind geboren werden. Der Bezug zu Liturgie und Festtagen hatte mich ja nie verlassen. Unser Jüngster kündigte sich dann am 17. August morgens an. Es wurde allerdings 15:15 Uhr bis er ankam und wie immer befiel mich augenblicklich eine Mischung aus Erschöpfung, Erleichterung und tiefem- wie soll ich es nennen- Glück. Einfach so. Dieses Gefühl, trotz aller Erwartung dann doch überrumpelt zu werden, hatte ich zumindest als Vater bei jeder einzelnen Geburt unserer Kinder. Kinder – heute sind sie ja bereits junge Erwachsene und rümpfen die Nase, wenn ich von „unseren Kindern“ rede. Jedes Mal war es für mich ein neues Wunder: neues Leben, kaum zu fassen, auch wenn ich es fest und behutsam im Arm hielt. Staunen, Schweigen, Dankbarkeit…so ähnlich stelle ich mir Visionen vor. Die Geburten unserer Kinder waren wohl die stärksten und prägendsten geistlichen Erlebnisse meines Lebens. Ich war jedes Mal völlig hingerissen und hatte das Gefühl, das zugleich Heiligste und Zerbrechlichste in Händen zu halten. Unvergleichlich kostbarer als jedes noch so kostbare Porzellan. Nur eines konnte ich mir auch an jenem 17. August nicht verkneifen: den spontanen Impuls nämlich, seinem Namen einen zweiten hinzuzufügen. – erraten: Johannes, erraten….

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